Begeisternder WahlkampfBegeisternder Wahlkampf
Wir versenden kostenfrei!

Sie haben keine Artikel im Warenkorb.

0
Zur Kasse gehen

Von Carsten am 2. Februar 2016

Neues aus der politischen Hirnforschung

In den USA beschäftigen sich die Neurowissenschaftler viel mit den Zusammenhängen des Gehirns und dem Wählerverhalten. Inwiefern sich die Ergebnisse auf die deutschen Verhältnisse übertragen lassen, sei dahingestellt. Lesenswert sind die Ergebnisse jedoch allemal.

„Der Blick in den Hirnscanner sagt die politische Überzeugung verlässlich voraus. Konservative Gehirne haben einen großen Mandelkern, der bei der Analyse von Bedrohungen hilft, liberale Gehirne dafür im Gyrus cinguli anterior mehr Antennen für Neues.“

In dem Blogartikel Rotes Hirn, schwarzes Hirn werden verschiedene Forschungsergebnisse vorgestellt. Demnach sei die Wahlentscheidung zu einem großen Teil genetisch veranlagt und im Hirnscanner mit einer Trefferquote bis zu 83% voraussagbar. Das „liberale Gehirn“ unterscheide sich vom konservativen dadurch, dass es offener für Neues und risikobereiter sei, während beim „konservativen Hirn“ die Hirnregionen für die Verarbeitung von Furcht und Ärger aktiver seien.

In der Studie von John Hibbing wurde mit Hilfe der Zwillingsforschung festgestellt, dass die Unterschiede in der politischen Haltung zu einer Reihe von abgefragten Themen im Schnitt zu 32 Prozent durch Vererbung zu erklären sind und nur zu 16 Prozent durch die Umwelteinflüsse, die sich bei Zwillingen während ihrer Kindheit und Jugend ja gleichen. Nur die Hälfte der Variabilität in der politischen Überzeugung ist auf Erfahrungen außerhalb des gemeinsamen Familienumfelds zurückzuführen, fanden die Forscher (siehe Kasten: „Methode Zwillingsforschung“).

Dass ausgerechnet die politische Haltung nicht in erster Linie durch eigene Überlegungen und Erfahrungen geprägt, sondern angeboren sein soll, erschien vielen Kollegen absurd, erzählte der Forscher im Gespräch mit dem Blog „dasGehirn.info“. Doch das Blatt hat sich gewendet. Spannender als die Frage, ob angeborene Eigenschaften in der Politik überhaupt mitmischen, ist für viele Forscher inzwischen die Suche nach konkreten Genen, die hierbei eine Rolle spielen könnten. Bei so genannten genomweiten Assoziationsstudien wurden bereits die Gen-Varianten von zigtausenden Personen auf Korrelationen mit ihrer politischen Überzeugung abgeklopft. Dabei haben die beteiligten Wissenschaftler bei Liberalen und Konservativen unter anderem eine Reihe von für die jeweilige Gruppe typischen Rezeptorvarianten aufgespürt. Die Rezeptoren, um die es geht, sind am Austausch von Botenstoffen im Gehirn beteiligt: Sie sind zum Beispiel Andockstellen für Serotonin, Glutamat und Dopamin. Die Signalsysteme, in denen sie wirken, mischen bei politisch relevanten kognitiven und emotionalen Prozessen mit: Sie steuern etwa Agression, Angst, Kooperation und Impulsivität.

Die ersten Brückensteine vom Genom ins Gehirn und von dort auf den Wahlzettel sind damit gelegt. Doch angesichts der Komplexität der untersuchten politischen Merkmale und ihrer nicht minder komplexen genetischen und umweltbedingten Ursachen dürfte die genaue Rolle einzelner Gene für die politische Meinung auf absehbare Zeit kaum zu klären sein, so die aktuelle Einschätzung der meisten Experten. Zudem kommt die Vorhersagekraft der Genanalysen nicht an die Treffsicherheit der Hirnbilder heran. Mit anderen Worten: Die messbaren Unterschiede im Gehirn lassen sich nicht mit derGenetik allein erklären. „Es ist gut möglich, dass politisches Denken das Gehirn im Laufe der Zeit verändert“, sagt Schreiber. Er wehrt sich dagegen, biologische Erklärungsansätze mit Unverrückbarkeit gleichzusetzen: „Der Mensch ist vor allem fest dazu veranlagt, nur ganz wenig fest zu veranlagen“, sagt er. „Unsere kognitive Flexibilität ist unser wichtigstes Markenzeichen.“

Methode Zwillingsforschung

In Zwillingsstudien errechnet man die Erblichkeit eines Merkmals, indem man seine Übereinstimmung zwischen zweieiigen Zwillingen gleichen Geschlechts mit der Übereinstimmung zwischen eineiigen Zwillingen vergleicht. Da die Umwelteinflüsse wie beispielsweise die Erziehung für beide Sorten von Zwillingspärchen überwiegend identisch sind, kann man Unterschiede in der Ähnlichkeit am besten mit der größeren Verwandtschaft der eineiigen Zwillinge erklären, also mit identischen Genen.

Allerdings werden eineiige Zwillinge in der Regel aber auch von Geburt an mit größeren Erwartungen an ihre Ähnlichkeit konfrontiert als zweieiige Pärchen. Deshalb seien die Ergebnisse solcher Zwillingsforschung gerade bei psychologischen und sozialen Merkmalen mit Vorsicht zu genießen, bemängeln Kritiker.

Dass Gene die politische Neigung beeinflussen können, wird inzwischen dennoch überwiegend akzeptiert. Überdurchschnittlich große politische Ähnlichkeiten lassen sich zum Beispiel auch zwischen eineiigen Zwillingen nachweisen, die wenig Zeit miteinander verbringen. Zudem bleiben sich eineiige Zwillinge auch nach dem Auszug aus dem Elternhaus in ihrer politischen Überzeugung sehr ähnlich, während die Unterschiede zwischen zweieiigen Zwillingen in dieser Phase rasant wachsen.

Quelle: www.dasgehirn.info

Politische Plastizität

Das beständige Wiederholung oder einschneidende Erlebnisse tatsächlich auch eingeschliffene politische Überzeugungen verrücken können, zeigte eine Studie, die nach den Terroranschlägen vom 11. September erstellt wurde. In diesem Fall wurde ein Ruck ins Konservative festgestellt. In einigen Experimenten zeigten selbst subtile Ereignisse politisch relevante Wirkung: So stieg in Probanden, die an Sauberkeit erinnert wurden, offenbar kurzfristig so sehr die Sensibilität für Dreck und Ekliges, dass sie sich in einer anschließenden Befragung gleich viel konservativer äußerten. Und Teilnehmer an einer anderen Studie, die während eines Experiments die amerikanische Flagge im Blick gehabt hatten, zeigten sich noch acht Monate später konservativer als diejenigen, denen die Flagge während des Experimentes nicht gezeigt worden war. Aus dieser Perspektive scheint bei der aktuellen politischen Dynamik in Deutschland (Thema Flüchtlingskrise) die Auswirkung auf Wahlergebnisse schwer abschätzbar.

Ob allgemein solche Ideen sich auch auf die vergleichsweise komplexere deutsche Politiklandschaft mit ihrem von Koalitionen gekennzeichneten Mehrparteiensystem übertragen lassen, bleibt abzuwarten; internationale Vergleichsstudien stehen noch aus. Ein breites Parteienspektrum dürfte der Trefferquote Grenzen setzen, vor allem, wenn die einzelnen Parteien liberale und konservative Werte in ihren Profilen kombinieren.


Veröffentlicht in Allgemeines, Planung, Blog, Allgemein

Hinterlasse eine Antwort